Niko, 28 Jahre

 Deutschland 

geschrieben von Niko und seiner Mutter

Schule

Niko, 28 Jahre, Deutschland

Ich bin in folgende Schulen gegangen:

2000 bis 2009
Hör-Sprach-Zentrum Neckargemünd, bilinguale Projektklasse „Hörgeschädigte Kinder mit Zusatzbehinderungen“
2009 bis 2010
Lindenparkschule Heilbronn, Abteilung für „Hörgeschädigte mit geistiger Zusatzbehinderung“ (Internatsunterbringung)
2010 bis 2014
Paulinenpflege Winnenden (Internatsunterbringung) Berufsschulstufe für „Hörgeschädigte mit geistiger Zusatzbehinderung“
2014 – 2016
Stiftung Sankt Franziskus Heiligenbronn in Schrammberg-Heiligenbronn (Internatsunterbringung) „Abteilung Hör-Sehbehinderte mit Zusatzbehinderungen“

1. Jahr Berufsschulstufe
2. Jahr Berufsbildungsbereich der Werkstatt für Menschen mit Behinderungen

Unterstützung in der Schule und größte Herausforderungen Hör-Sprach-Zentrum (Hearing- Speech-Center) Neckargemünd

2000 – 2009
Einschulung in eine bilinguale Projekt- klasse „Hörgeschädigte Kinder mit Zusatzbehinderungen“ mit fünf Schülern im Alter von acht Jahren. Das Schulprojekt wurde vom Kultusministerium Stuttgart während der ersten vier Schuljahre gefördert und begleitet. Ein gehörloser Lehrer wurde eingestellt, der Unterricht fand bilingual, in Gebärden- und Lautsprache, statt. Zweimal jährlich wurde in einer Konferenz mit dem zuständigen Vertreter des Ministeriums, der Schulleitung, der Lehrer und den Eltern reflektiert. Nach Ende des Schulprojektes wurde die Klasse aufgeteilt; nach schwächeren Schülern, zu denen Niko gehörte und stärkeren Schülern. Es fand kein bilingualer Unterricht mehr statt und Niko war in den folgenden Jahren mehr und mehr von den Unterrichtsinhalten überfordert.

Niko sagt: „9 Jahre sind fertig. Ich möchte nicht länger bleiben.“

Probleme in Neckargemünd
Am Hör-Sprach-Zentrum gibt es keine Abteilung für geistig behinderte Schüler. Die wenigen Schüler mit Zusatzbehinderungen waren isoliert und wurden sehr ausgegrenzt. Es gab Hänseleien und Streit. Tests wurden geschrieben, bei denen Niko zwar die Inhalte in Gebärden beherrschte, allerdings noch nicht einmal die Fragen lesen konnte. Er war frustriert, dass er sein Wissen nicht einbringen konnte, zum Beispiel über Gebärdenfotos. Man war leider nicht bereit, eine Kooperation mit einer G-Schule (Förderschule) einzugehen.

Lindenparkschule Heilbronn 2009 – 2010
Nach mehreren Praktika hat sich Niko entschlossen, in die Lindenparkschule nach Heilbronn zu wechseln. Dort gab es eine Abteilung für Hörgeschädigte mit geistiger Zusatzbehinderung und Lehrer und Erzieher hatten Grundwissen in Gebärdensprache. Es war bereits beim Wechsel klar, dass nur noch ein Schuljahr möglich ist und dann der Wechsel in eine Einrichtung mit Berufsschulstufe ansteht. Von Anfang an war ein Gefühl der Zugehörigkeit zu den Mitschülern mit geistiger Behinderung da. Im Internat war es schön.

Die Lerninhalte waren lebenspraktisch orientiert und damit gut zu bewältigen, dadurch entwickelte er auch Stolz und Selbstbewusstsein auf die Erfolge in der Schule.

Paulinenpflege Winnenden 2010 – 2014
Die Anschlusseinrichtung der Lindenparkschule war die Berufsschulstufe für Hörgeschädigte mit geistiger Einschränkung der Paulinenpflege in Winnenden.

Der Schulunterricht hat ihm viel Spaß gemacht. Die Lehrer waren gebärden kompetent und die Inhalte lebens- praktisch.

Die Unterbringung im Internat war ein großes Problem. Niko wohnte in einem Haus mit sehr selbständigen Mitbewohnern, die alle lautsprachlich kommunizierten. Gemeinsame Aktivitäten fanden nicht statt – Langeweile sollte Mittel zur Motivation sein. Niko war damit völlig überfordert und wurde immer trauriger – fast schon depressiv. In Gesprächen wurden unsere Sorgen nicht ernst genommen, erst als wir einen Schulwechsel vornehmen wollten, wurde nach zwei Jahren angeboten, Niko in eine „schwächere“ Wohngruppe zu verlegen. In der neuen Gruppe fühlte er sich sofort wohl und fand zwei Freunde. Die Freizeit wurde von den Erziehern geplant und gesteuert. Als die Freunde die Einrichtung verlassen haben, wollte Niko nicht mehr in Winnenden bleiben.

Stiftung Sankt Franziskus, Schramberg- Heiligenbronn 2014 – 2016
Über den CHARGE-Verein hatten wir Kontakt zu der Stiftung und Niko hat dort ein Praktikum gemacht. Er konnte noch ein Jahr Berufsschulstufe in Heiligenbronn machen. In der Schule war er sehr glücklich, das Lernen hat ihm viel Spaß gemacht und er hat auch viel gelernt. Die Internatsgruppe war sehr gut; alle Lehrer und Erzieher waren gebärden kompetent. Doch für Niko war klar, nach Ende der Schulzeit möchte er wieder zu Hause bei der Familie wohnen und bei der Lebenshilfe im Nachbarort arbeiten.

Probleme in Schramberg-Heiligenbronn
In Heiligenbronn hatte Niko keine Freunde gefunden und aufgrund der Entfernung konnte er nur zweiwöchentlich nach Hause kommen.

Hast Du einen Schulabschluss (zum Beispiel Hauptschulabschluss, Mittlere Reife und so weiter)? Wie viele Jahre bist Du zur Schule gegangen?

Ich habe keinen Schulabschluss. Ich habe 10 Jahre die Schule besucht und 5 Jahre die Berufsschulstufe. Mein Wunsch war, in der Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM) bei der Lebenshilfe in Graben-Neudorf zu arbeiten und zu Hause bei meiner Familie zu wohnen.

Berufliche Erfahrungen

Meine Praktika

1. Praktikum:
in der 8. Klasse (16 Jahre) am Hör-Sprach-Zentrum Neckargemünd bei der Lebenshilfe Graben-Neudorf in der Montage. Um den Praktikumsplatz hat sich meine Mama gekümmert, begleitet wurde es von meiner Klassenlehrerin, die mich beim Praktikum besucht hat. Bei der Lebenshilfe gibt es leider keine gebärden kompetenten Mitarbeiter.
2. Praktikum:
2009 in der Haslachmühle, Wilhelmsdorf. Vermittelt durch eine ehemalige Kollegin der Klassenlehrerin in Neckargemünd. In der Haslachmühle waren alle Mitarbeiter gebärden kompetent. Dort gab es eine eigene Gebärdensammlung: „Schau doch, meine Hände“.
3. Praktikum: 2
012 im Alter von 20 Jahren bei der Lebenshilfe Graben-Neudorf während der Sommerferien auf eigene Initiative, ohne Assistenz.
4. Praktikum:
im Berufsbildungsbereich der Paulinenpflege in Winnenden mit 21 Jahren.
5. Praktikum:
2013 in der Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM) in Backnang. Organisiert von der Paulinenpflege Winnenden. Dort gab es einige gebärden kompetente Mitarbeiter.
6. und 7. Praktikum:
2013 auf dem Bauernhof für Menschen mit Behinderungen in Winnenden. Organisiert von der Paulinenpflege Winnenden. Dort waren wenige Mitarbeiter gebärden kompetent.
8. Praktikum:
2013 im Berufsbildungsbereich der Lebenshilfe Bruchsal, während der Ferien auf eigene Initiative, ohne Assistenz.
9. Praktikum:
2015 tageweise ein Praktikum im Berufsbildungsbereich und auf dem Bauernhof der Stiftung Sankt Franziskus in Heiligenbronn, organisiert und begleitet von der Klassenlehrerin der Berufsschulstufe. Auf dem Bauernhof gab es keine Gebärdenkompetenz, in der Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM) konnten einige Mitarbeiter gebärden.
10. Praktikum: 2015 im Klabauterland Philippsburg, einem Indoor-Spielplatz, in Absprache mit der Klassenlehrerin der Berufsschulstufe Heiligenbronn während der Weihnachtsferien. Auf eigene Initiative organisiert von den Eltern, ohne Assistenz.

Während der Zeit im Berufsbildungsbereich (BBB) der Lebenshilfe habe ich folgende Dinge gemacht:

  1. Praktikum in der Nähabteilung
  2. Praktikum in der Montage-Abteilung
  3. Praktikum in der Verpackungs-Abteilung
  4. Praktikum in der Küche

Das habe ich nach der Schule gemacht:

4 Jahre Berufsschulstufe bei der Paulinenpflege in Winnenden
1 Jahr Berufsschulstufe Stiftung Sankt Franziskus, Schramberg-Heiligenbronn
1 Jahr Berufsbildungsbereich (BBB) Stiftung Sankt Franziskus, Heiligenbronn
15 Monate BBB Lebenshilfe Bruchsal, Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM)

Beruf

Seit Dezember 2017 arbeite ich in der Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM) der Lebenshilfe Bruchsal-Bretten e. V. (eingetragener Verein), Zweigwerkstatt Graben-Neudorf einen halben Tag in der Küche, einen halben Tag in der Verpackung. Ich liebe die Arbeit bei der Lebenshilfe, ich würde aber auch gerne im Klabauterland, dem Indoor-Spielplatz, arbeiten. Ich habe selbst entschieden, ich möchte bei der Lebenshilfe arbeiten. Die Sozialarbeiterin bei der Lebenshilfe hat gesagt, ich darf kommen und sie hat alle Anträge an das Landratsamt geschickt.

Wohnen

Ich wohne bei meinen Eltern zu Hause. Meine Mama ist in einer Interessengruppe „Junges Wohnen“, die sich zusammen mit der Lebenshilfe über neue Wohnformen für behinderte junge Leute informiert und mit Investoren in Kontakt ist. Im Frühling mache ich zwei Wochen Probewohnen in einer Außenwohngruppe der Lebenshilfe. Am liebsten möchte ich zu Hause bei meinen Eltern bleiben. Wenn das nicht mehr geht, möchte ich in einer Wohngemeinschaft leben, in der behinderte und nicht behinderte Leute wohnen. Vielleicht finde ich auch einen Freund, mit dem ich zusammenwohnen kann.

Selbstständigkeit

Nico mit Hund

Einkaufen geht ganz gut, aber selbst planen, was ich brauche, ist schwer. Ich habe ein Einkaufsbuch mit Symbolen und Klett-Kärtchen mit Lebensmitteln und anderen Sachen. Zu Hause überlege ich mit Mama, was ich einkaufen soll und klette die Bildkarten in das Buch. Mit dem Buch kann ich auch fragen, wenn ich etwas nicht finde. Öffentliche Verkehrsmittel nutzen kann ich (noch) nicht. Ich kann nicht hören und nicht lesen, wenn eine Fahrplanänderung stattfindet. Arzttermine planen und wahrnehmen kann ich nicht, ich kann keine Auskunft über meine Erkrankungen geben. Aber ich kann zeigen, wenn ich Schmerzen habe, wie die Schmerzen sich anfühlen und wo die Schmerzen sind. Im Haushalt kann ich viel machen. Das habe ich im Internat und in der Küche bei der Lebenshilfe gelernt. Mein Geld verwalten kann ich nicht alleine. Am Geldautomaten Geld abheben und Kontoauszüge holen kann ich gut. Ich nutze unterstützte Kommunikation im Umgang mit hörenden Menschen.

Ich habe

  • ein Einkaufsbuch mit Symbolen und Klett-Kärtchen
  • ein Apothekenbuch mit Symbolen und Klett-Kärtchen
  • ein Freizeitbuch mit Symbolen und Klett-Kärtchen
  • ein iPad mit Kommunikations-Apps GoTalkNow, MetaCom, Compass DE, Gebärdenlexikon und vieles mehr
  • ein iPhone mit WhatsApp; kann ich Video-Anrufe machen
  • (neu) eine Smartwatch, damit ich fühle, wenn ein Anruf kommt
  • Eine Notfall-Tafel mit medizinischen Informationen und viele andere Hilfsmittel

Die Einkaufsbücher hat Mama zusammen mit dem pädagogischen Fachdienst für unterstützte Kommunikation (UK) entwickelt.

Sonstige Frage

Ich habe zwei Freunde. Kontakt über WhatsApp Video-Telefonie und Briefe schreiben. Meine Freunde wohnen weit weg. Meinen Freund Andreas habe ich im Internat besucht. Wir sehen uns bei den CHARGE-Treffen und mein Freund Johannes kommt 2- bis 3-mal im Jahr zu mir. Wir spielen, schauen Filme und gehen spazieren. Wir lachen viel miteinander und machen Quatsch.

Meine typische Woche

Montag – Freitag:
7:10 Uhr der Bus holt mich zu Hause ab
8:10 Uhr Arbeitsbeginn in der Verpackung oder in der Küche
15:30 Uhr Arbeitsende 16:00 Uhr zu Hause Dienstag:
8:30 bis 9:00 Uhr Krankengymnastik in der Werkstatt
Donnerstag:
8:00 bis 8:30 Uhr Krankengymnastik in der Werkstatt
8:45 bis 9:45 Uhr Arbeitsbegleitende Maßnahme – Lesen und Schreiben

Meine Freizeit

Montag:
15:30 – 18:00 Uhr Kegeln mit der Lebenshilfe
Dienstag:
17:30 – 20:00 Uhr Billard spielen mit Noah (FSJler) (freiwilliges soziales Jahr)
Mittwoch:
16:00 – 17:00 Uhr Gesundheitssport mit der Lebenshilfe
Donnerstag:
17:00 – 22:00 Uhr Kino-Treff mit der Lebenshilfe
Freitag:
18:00 – 21:30 Uhr Disco bei der Lebenshilfe
Samstag:
18:15 – 0:00 Uhr Ziemlich-beste-Freunde-Treff der Lebenshilfe Sonntag:
15:00 – 18:00 Uhr Talker-Stammtisch im Zentrum für Kunst und Medien (ZKM) Café in Karlsruhe mit Mama

Wenn ich zu Hause bin, schaue ich gerne Digital Video Disc (DVD), mache Spiele auf meinem iPad oder Spiele mit Mama und mit meinem großen Bruder und seiner Frau. Wir gehen jeden Tag mit unserem Hund Tabo spazieren.

Was war gut nach der Schule?

In der Schule war der Unterricht gut. Ich lerne gerne lesen, schreiben und rechnen. Nach der Schule war gut, dass ich nicht mehr im Internat wohnen musste und wieder zu Hause bei meiner Familie sein kann.

Meine Pläne für die Zukunft

Ich möchte weiter bei der Lebenshilfe arbeiten und zu Hause wohnen. Ich möchte, dass meine Kollegen ein bisschen Gebärdensprache lernen. Ich möchte meine Freunde öfter sehen und ich möchte mit Johannes zusammen in den Urlaub fahren. Vielleicht kann ich später auch im Klabauterland arbeiten.

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